Die Philosophie von fairy-stories (& warum ich schreibe)

08 | 11 | 25

Warum ich glaube, dass Geschichten von der Funktionalität unserer Zivilisation nicht zu trennen sind (und nein, das ist keine Übertreibung).

Um diese Behauptung näher etablieren zu können, müssen wir uns allerdings zuerst einmal anschauen, was für Arten von Geschichten es überhaupt gibt und, was für einen Sinn und Zweck diese in unserer Gesellschaft erfüllen — und zwar schon beinahe seit Anfang unserer menschlichen Existenz.

Also… was für Kategorien von Geschichten gibt es?

Grundlegend kann man in der Historie des Geschichtenerzählens drei große Kategorien ausmachen: Mythen, Legenden, und sogenannte fairy-stories. Um zu erklären, warum ich so eine große Leidenschaft für das Geschichtenerzählen habe und fest daran glaube, dass diese Tätigkeit ein fundamentaler Teil unserer aller Existenz in dieser Gesellschaft ist — so sehr, dass sie nahezu überlebenswichtig ist — möchte ich mir in diesem Essay anschauen, wie sich diese verschiedenen Arten von Geschichten und vor allem die fairy-stories definieren.

Beginnen wir mit dem Mythos.

Was ist ein Mythos?

Ein Mythos oder eine Mythologie ist eine Erzählung um die Götter und die Entstehung der Welt, also meistens ein Kreationsmythos — z.B. der der nordischen oder griechischen Mythologie. “Eine der größten Funktionen einer Mythologie ist soziale Strukturen zu validieren, zu erklären warum die Welt so ist, wie sie ist und die sozialen Beziehungen und Machtstrukturen einer Gesellschaft zu rationalisieren.” (Carter Haugh School, 17. November 2020) Ein Mythos oder eine Mythologie wird durch Geschichten erzählt und weitergegeben und durch Rituale praktiziert (z.B. in dem zu der Mythologie dazugehörigen Glauben, wie bei den Wikingern, ihren heidnischen Ritualen und der Mythologie um ihre Götter). Seit Anbeginn der Zeit erschaffen Menschen von verschiedenen Gesellschaften, Kulturen und Glaubensansätzen Mythen, um ihr Verständnis der Welt zu strukturieren und ihren Platz darin zu finden. Dies kann man fast schon als Gewohnheit bezeichnen, die aus der fundamentalen Frage herrührt, die sich wohl jeder von uns gestellt hat, seit wir damit begonnen haben, ein erweitertes Bewusstsein zu entwickeln — woher kommen wir und warum sind wir hier? Das Bedürfnis, Geschichten darum zu erzählen ist gleichermaßen eine genauso tief verwurzelte Gewohnheit, sowie die nachhaltigste Weise dieses Wissen oder diese Glaubensansätze weiterzugeben; über Generationen und Generationen. Denn obwohl die Rituale meist in Vergessenheit geraten, sind die Geschichten um Odin, Jesus, Zeus und Co. uns heute noch bekannt; und das, obwohl die Wikinger beispielsweise keine Schreibkultur hatten. Diese Geschichten weiterzugeben war also ihre einzige Möglichkeit, das Wissen zu speichern.

Ein Mythos ist also da, um ein Muster zu verstehen — ein Muster, das zum Erfolg oder zu der Stabilität einer Gesellschaft, Kultur oder eines Individuums führt. “The Hero´s Journey” ist z.B. nicht nur ein beliebter Trope, sondern auch ein solches Muster, das in Geschichten verbreitet über viele Kulturen genutzt wird, weil es eine psychologisch wirksame Methode, oder Metapher, ist, um Schwierigkeiten im Leben zu bewältigen.

Während wir allerdings Mythen nutzen, um unsere Realität zu verstehen, nutzen viele Autoren die Funktionen einer Mythologie aber auch oft, um ihren fiktiven Welten mehr Tiefe zu verleihen; besonders im Fantasy Genre. Sie erschaffen also einen Weltentstehungsmythos für eine Welt, die es gar nicht gibt, wobei dieser manchmal innerhalb der jeweiligen Welt ebenso wenig beweisbar ist wie die in unserer oder manchmal auch durchaus auf Fakten und wahren Ereignissen im Rahmen der Geschichte beruhen.

Gehen wir nun über zu diesen fiktiven Welten.

Was sind “fairy-stories” oder auch “fairy-tales”?

Im Gegensatz zu dem Mythos ist bei einer fairy-story allgemein klar, dass sie nicht auf der Wahrheit beruht. Das könnte man bei einem Mythos ebenfalls behaupten, aber erinnern wir uns daran, dass viele Mythologien in der Geschichte oft mit Religionen verknüpft waren — also Menschen, die an die Wahrheit dieser Geschichten geglaubt haben.

Bei fairy-stories ist das anders, weil sie in erster Linie zu Unterhaltungszwecken dienen. Sie spielen meist nicht in einer bestimmten Zeit und nie in unserer eigenen Welt, oder der Realität. Die Definition einer fairy-story ist also, dass sie an einem anderen, in der Regel magischen Ort stattfinden und generell eine Aufgabe oder Suche beinhalten, der der Held sich annehmen muss (Definition nicht wortwörtlich übernommen von Carter Haugh School, 17. November 2020).

Um noch einmal den Vergleich zu dem Mythos zu ziehen, um den klaren Unterschied herauszukristallisieren, sind fairy-stories meist deutlich weniger mit etwas heiligem oder erhabenem assoziiert und sind diverser in deren Sinn und Zweck. “Sie können genutzt werden um anzuleiten oder um zu unterhalten, zu warnen und zu inspirieren, um den Status quo zu bekräftigen oder um eine Rebellion anzufachen. Sie sind eine unglaublich vielseitige Form, die sich den Bedürfnissen und Werten des Erzählers und seiner Kultur anpassen.” (Carter Haugh School, 17. November 2020) Deswegen, aufgrund ihrer Vielseitigkeit, haben so viele von ihnen auch die Zeit überdauert.

In den letzten zwei Jahrhunderten wurden sie jedoch eher mit Kindern assoziiert — vor allem durch die visuellen Medien in der modernen Zeit wie die Animationen von Disney und auch durch zahlreiche Geschichten-orientierte Videospiele, wie z.B. die Legend of Zelda Reihe, die sowohl die Struktur von Mythen und fairy-stories nutzt, aber durch ihre teils Cartoon ähnliche Graphik als kindlich abgestempelt wird. Doch fairy-stories sind nicht begrenzt durch eine Altersgruppe, Kultur oder Gesellschaftsschicht — fairy-stories sind für jeden.

Was ist eine Legende?

Während Mythen also von den Gläubigen für wahr empfunden werden und fairy-stories von vorne rein als fiktiv etabliert sind, sind Legenden wie eine Art Verhandlung, was denn nun die Wahrheit ist. Aufgrunddessen haben Legenden oft ihre Wurzeln in tatsächlicher Geschichte, meist an wahren Orten in bestimmten Zeitperioden. “[Legenden] werden oft als wundersam, unheimlich, bizarr und manchmal als peinlich dargestellt.” (Carter Haugh School, 17. November 2020) “Legenden stellen das Unwahrscheinliche innerhalb der Welt des möglichen dar.” Allerdings geht es im Kern nicht darum, ob sie tatsächlich wahr ist oder nicht, sondern, dass man sie als wahr empfinden könnte.

Nun, da wir diese drei Arten von Geschichten etabliert haben, können wir uns dem Mann widmen, der den Grundstein für die moderne Ansicht von fairy-stories legte.

Tolkiens Philosophie

In 1939 hielt J.R.R. Tolkien, Autor von “Der Hobbit” und “Herr der Ringe”, einen Vortrag an der St. Andrews Universität in Schottland, in der er die Sichtweisen von Andrew Lang kritisierte, der zu der Zeit wichtigste Sammler von fairy-stories (zwischen 1889-1913 veröffentlichte er 25 Kollektionen).

Der allgemeine Standpunkt, nicht nur Andrew Langs, bezüglich fairy-stories war zu der Zeit, dass diese Art von Geschichten Unwahrheiten und für Kinder gemacht waren und, dass Kinder sie mochten, weil die primitiven Menschen, die diese Geschichten erfunden hatten, ungebildet und naiv waren. “Menschen waren Kindern sehr ähnlich vor langer Zeit, weil sie Märchen mehr zu mögen schienen als Geschichte, Poesie, Geographie oder Arithmetik, genauso wie Erwachsene Romane mehr mögen als alles andere.” (Andrew Lang)

Tolkien kritisierte das und behauptete, dass Lang den fundamentalen Sinn von fairy-stories missverstanden hatte — dass sie genauso für Erwachsene wie für Kinder gemacht waren. Seine Ansichten verfasste er dann im Jahre 1947 in seinem Essay “On fairy-stories” schriftlich. Tolkiens Perspektive auf fairy-stories war wie folgt: Fairy-stories müssen nicht zwingend “fairies” (also Feen) enthalten, sondern Faerie (man beachte die unterschiedliche Schreibweise). Faerie ist laut ihm ein fantastischer Ort, wo sterbliche Menschen hingehen um sich verzaubern zu lassen — aber, die Geschichte sollte als vollkommen glaubhaft präsentiert werden, zumindest im Rahmen der fantastischen Welt, in der sie spielt, das heißt innerhalb der fiktiven Mythologien und Regeln, die der Erzähler für sie geschaffen hat. Sie muss nicht tatsächlich möglich und in der realen Welt umsetzbar sein, aber innerhalb ihrer eigenen Logik, die von der Logik unserer Welt zieht, Sinn ergeben. “Aber weil die fairy-story von ´Wundern` handelt, kann sie keine Rahmenbedingungen oder Strukturen tolerieren, die andeuten könnten, dass das komplette Gerüst, in dem sie stattfinden eine Einbildung oder Illusion ist.” Fairy-stories sind also nicht ignorant gegenüber der Realität, sondern haben ein solch reichhaltiges und vielfältiges Verständnis der Realität, dass der Autor in der Lage ist, eine gänzlich neue zu erschaffen.

Kurz gesagt ähnelt Tolkiens Verständnis von fairy-stories viel mehr dem eines Mythos als Andrew Langs, insofern als dass sie tiefgründige, aber metaphorische Wahrheiten behandeln, enthalten in einer fiktiven Welt innerhalb unserer eigenen Welt.

Man muss dazu sagen, dass Tolkien ein frommer Katolikh war, was bedeutet, dass er daran glaubte, dass wir nach dem Bild von Gott geschaffen wurden und folglich ebenfalls ein tiefes Verlangen verspüren zu kreieren. Tolkien glaubte, dass wir dadurch sozusagen zu Unterschöpfern werden, indem wir von der von Gott gemachten Welt nehmen, der primären Welt, und sekundäre Welten erschaffen. Die sekundäre Welt ist die, die unser Verstand betreten kann, die Welt des fantastischen, wo Faerie existiert und nach seinen eigenen Regeln funktioniert, gefüllt mit seiner eigenen Geschichte und Erzählungen. Heute bezeichnen wir dieses Konzept einfach als Worldbuilding, oder Weltenbau, wenn wir von der Art und Weise sprechen, wie ein Autor seine fiktive Welt aufgestellt hat, aber Tolkien nutzte dafür damals einen Begriff aus dem griechischen, “Mythopoeia”, was wortwörtlich “das Machen von Mythen” bedeutet. Er popularisierte das Konzept und auch wenn er wusste, dass es kein leichtes Unterfangen ist, glaubte er daran, dass es zu vollbringen sei, wenn Vorstellungskraft und Fähigkeiten vereint werden. Diese Kombination kreiert “Geschichtenerzählen in seinem primären und potentesten Modus.” Wenn wir, laut ihm, solch eine Welt betreten, setzen wir uns nicht der Ungläubigkeit aus, sondern geben uns stattdessen der “fesselnden Fremdheit” hin, wie er es nennt; wir erlauben es uns, uns verzaubern zu lassen.

“Manche sagen, dass zwei Geschichten, die um dieselbe Folklore oder eine generelle Kombination solcher Motive gebaut sind, dieselben Geschichten sind.” Allerdings sind es “genau die Atmosphäre, die unklassifizierbaren, individuellen Details einer Geschichte und über allem die Behauptungen, die die unzerlegten Knochen des Plots mit Leben erfüllen sind, die wirklich zählen.” Auch der Autor ist, genau wie diese verschiedenen Elemente, ein genauso wichtiger Aspekt, der zu der Individualität einer Geschichte beiträgt.

Es gibt, laut Tolkien, einen “Kessel der Geschichten”, in dem die “Suppe der Geschichten” kocht, die die Essenz der Faerie enthält, die Traditionen und Elemente der langen Historie des Geschichtenerzählens, zu der konstant Dinge hinzugefügt werden. Als Beispiel führt er König Arthur an, der einst eine historische Figur war, die in den Kessel der Geschichten geworfen und mit anderen Mythen und Faerie Elementen mariniert wurde, um dann als Faerie King wieder hervorzutreten.

Der gesellschaftliche Zweck der fairy-stories

Die vier Funktionen einer fairy-story, laut Tolkien in seinem Essay “On fairy-stories”, sind:

  1. Fantasie, die es uns erlaubt, uns tiefer mit fremdartigen und wundersamen Dingen zu beschäftigen, auf eine Weise, die nicht im Widerspruch mit Realismus steht.
  2. Flucht, aber nicht die unverantwortliche Flucht eines Deserteurs, sondern die eines Gefangenen. In einer immer moderner werdenden Welt, glaubt Tolkien, ist Flucht nicht nur praktikabel, sondern heldenhaft. Es ist eine Flucht vor der harschen Realität der modernen Welt — aber auch eine Flucht auf die Schönheit und den guten Willen des Menschen-gemachten zu. Das heißt antike Limitationen z.B. des Reisens zu überwinden, das Verlangen mit anderen Lebewesen ins Gespräch zu treten und unser ältestes Verlangen, dem Tod zu entkommen.
  3. Wiederfindung von alten Mustern des Geschichtenerzählens, um sie auf neue, einzigartige Weisen zu betrachten und nach der Flucht in die sekundäre Welt in die primäre Welt zurückzukehren, mit einem besseren Verständnis von uns selbst in Bezug auf unser Umfeld. “Weil die sekundäre Welt aus der primären gemacht ist, erlaubt uns die Rückkehr zu sehen was wir verloren haben, dessen Verlust wir uns vielleicht nicht bewusst waren und gibt uns das Gefühl, dass wir es zum ersten Mal sehen.”
  4. Und zuletzt (und laut Tolkien am wichtigsten) der Trost über die Eukatastrophe (oder gute Katastrophe), also die plötzliche, glückliche Wendung inmitten einer Kastrophe, die wundersame Gnade. Die fairy-story leugnet keine Tragödien oder Trauer, sondern universelle, endgültige Niederlagen. “Es ist ein flüchtiger Moment der Freude, Freude jenseits der Mauern der Welt, schmerzlich wie Trauer.” Freude ist ein Einblick in die grundlegende Realität oder Wahrheit des Lebens, die uns dabei hilft, dessen Leid, Trauer und Schmerz zu verarbeiten. Es sind die bittersüßen Enden, in denen das Böse gegen alle Wahrscheinlichkeiten besiegt wird.

Nach Tolkiens Ansicht enthalten also Mythen spirituelle und fundamentale Wahrheiten und das Erschaffen von Mythen und ehrliche Auseinandersetzen mit fairy-stories hilft dabei, diese Wahrheiten zu erzählen und offenzulegen und die Schönheit der Welt zu feiern.

Laut Tolkien sind Geschichten sogar die einzige Art, sich mit Faerie auseinanderzusetzen. “In der Kunst des Menschen ist Fantasy Etwas, was man besser den Worten überlässt, der wahren Literatur.” Er beruht sich bei dieser Behauptung auf dem Argument, dass kein anderes Medium die Fantasie so sehr anregen könne wie das geschriebene Wort; dass Filme z.B. also nicht denselben Effekt hätten. Darüber lässt sich wohl streiten (wobei man hier auch die Zeit beachten muss, zu der er gelebt hat), doch es ist nichtsdestotrotz eine interessante Ansicht, die seinen Glauben nur noch weiter unterstreicht. Bei Filmen mag dies bis zu einem gewissen Grad stimmen, da das Schauen eines Films ein eher passives Erlebnis ist, doch in der heutigen Zeit gibt es so viele Arten des Geschichten-erzählens, dass man, wie ich finde, kaum davon sprechen kann, dass Bücher als einzige diese Zwecke und Funktionen erfüllen. Videospiele, z.B., zwingen den Spieler dazu, sich direkt mit der fiktiven Welt auseinanderzusetzen, um das Ziel des Spiels erfolgreich zu erreichen — vorausgesetzt, es handelt sich um ein story-driven Game, natürlich. Meiner Meinung nach betreten wir die Welt der Faerie also in anderen Medien genauso wie in Büchern.

Warum ich schreibe und warum ich so sehr an die tiefe Verbundenheit zwischen Kunst (in Geschichten) und unserer Menschlichkeit glaube

Weil dieses Verlangen zu kreieren und Geschichten zu erzählen uns dazu zwingt, uns mit den dunklen Seiten des Lebens auseinanderzusetzen, aber auch mit seiner Schönheit. Weil der Akt an sich eine Hoffnung in sich trägt, die dem Zynismus der modernen Welt entgegen steht. Weil Geschichten, egal in welchem Medium, uns diese Hoffnung geben — trotz all der furchtbaren Dinge, mit denen unsere heutige Welt und Gesellschaft uns täglich konfrontiert. Weil wir durch die Symbolik fantastischer Welten ganz neuen Ausdruck für unsere inneren Welten finden können.

Geschichten erlauben es uns also, uns in die tiefste Dunkelheit zu stürzen und Hoffnung daraus hervorzubringen. Wie Tolkien durch Gimli sagt, als er den Hafen von Lothlórien verlässt: “Qualen in der Dunkelheit waren die Gefahr, die ich fürchtete und sie hielten mich nicht zurück. Aber ich wäre nicht gekommen, hätte ich die Gefahren von Licht und Freude gekannt.” Sie etablieren diese Hoffnung, indem sie uns mit Vorstellungsvermögen und kindlichem Wunder erfüllen und uns lehren, das Licht am Ende des Tunnels zu sehen — der Sieg im Angesicht des unmöglichen Bösen. Genau daran erinnern sie uns, wie wir als Kinder an das fundamentale Gute in allem geglaubt haben. Dieses Vertrauen, das wir zurückerlangen müssen ist das Heilmittel gegen den Zynismus der modernen Welt.

All das sind Gründe, warum ich schon immer eine solche Leidenschaft für Geschichten hatte, bereits in einem Alter, wo mir ihr Effekt noch gar nicht richtig bewusst war. Denn fairy-stories haben ihre Wirkung auf uns alle, egal in welchem Alter und wir alle können unseren Nutzen und unsere Lehren aus ihnen ziehen. Auf diese Weise sind sie für mich eine Art Dialog, durch den man sich mit verschiedensten Themen auseinandersetzen kann — aber vor allem auch mit Gefühlen und Ideen, die sonst vielleicht viel zu verwirrend oder kompliziert sind, um sachliche, nüchterne Worte dafür zu finden. Vor allem der Akt des Schreibens ist für mich also eine Katharsis, wenn auch mehr unbewusst als bewusst. Denn manchmal, wie ich über die Jahre festgestellt habe, muss ich erst über etwas schreiben, um zu verstehen, wie ich mich dabei fühle.

Was mich aber vor allem damals dazu angeregt hat, den Stift in die Hand zu nehmen (oder in die Tasten zu hauen), war meine Erfahrung mit Büchern, die ich gelesen habe und was sie mit mir gemacht haben; wie sie mich berührt und beschäftigt, begleitet und unterstützt haben. Wie sie für mich da waren. Vermutlich war es oft vor allem eine Flucht, aber ich zweifle nicht daran, dass meine Lieblingsgeschichten mich tief geprägt und zu dem Menschen gemacht haben, der ich heute bin. Das wollte ich auch für andere tun. Ich wollte Geschichten schreiben, die (hoffentlich) in anderen ähnliche Dinge auslösen, wie ich es selbst erfahren durfte. Ich wollte Menschen in andere Welten entführen, ihnen einen Zufluchtsort geben, wo sie alles sein durften, alles denken durften — einen Ort, an dem nichts tabu war. Denn wenn ich es meinen moralisch fragwürdigen Charakteren erlaube, sich zu verändern, dann muss ich mir selbst und anderen diese Erlaubnis ebenfalls erteilen. Ich muss mich mit dem konstanten Prozess der Veränderung, den das Leben mit sich bringt auseinandersetzen, auch wenn es innerhalb eines begrenzten Rahmen, auf einer begrenzten Anzahl von Seiten ist. Trotzdem, so habe ich immer wieder festgestellt, ist jede Geschichte in der Lage dazu, sich mit mir zusammen zu verändern — und somit auch mit jedem, der sie liest, der sie zu etwas ganz eigenem Macht; durch die Brille aus Erfahrungen, Erinnerungen und Gefühlen, durch die er auf sie und die Welt blickt. Deswegen gibt es meist so viele unterschiedliche Perspektiven und Arten, eine Geschichte zu interpretieren, weil jede Erfahrung mit ihr so subjektiv und unterschiedlich ist. Jeder wird etwas anderes aus ihr ziehen und in jedem wird sie etwas anderes auslösen. Das ist für mich die Schönheit, die sich in diesem Prozess verbirgt — weil ich eine Geschichte zwar schreiben kann, sie aber im Endeffekt jedem gehört, der sie auf vielleicht ganz andere und neue Weisen erfährt.

“Und, wie Mythologie, ist ein wichtiger Roman transformativ. Wenn wir es ihm erlauben, kann er uns für immer verändern.”

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