Buchrezension: The Vegetarian

08 | 09 | 25

Über die Entscheidung, das menschliches Recht zur Freiheit auszuüben.

[Spoiler für das gesamte Buch “The Vegetarian” von Han Kang, einschließlich das Ende]

[Triggerwarnung: Sexuelle Gewalt, Essstörungen]

Dieses Buch hat mich zutiefst berührt — so sehr, dass ich hier einfach darüber reden muss. Aber die Themen, die es behandelt, gehen so viel weiter über dieses Buch hinaus, denn sie sind extremst relevant zu unserer Zeit und leider auch den Ereignissen der letzten Zeit.

Aber zuerst einmal eine kurze Zusammenfassung, worum es überhaupt geht. Yeong-hye ist eine junge koreanische Frau, die sich eines Tages entschließt, kein Fleisch mehr essen zu wollen. Eine einfache Entscheidung, die sie für sich, ihren Körper und ihr Leben trifft. Sie tut dies nicht, um jemandem damit zu schaden, aus Trotz oder sonstigen Gründen. Sie möchte einfach kein Fleisch mehr essen, oder sonstige tierische Produkte konsumieren oder verwenden (sie entsorgt z.B. auch alles Leder im Haus) und wie ihre Schwester am Ende des Buches sagt, sollte man meinen, dass sein eigener Körper so ziemlich das einzige auf der Welt ist, womit man tun und lassen kann, was man will. Aber so ist es natürlich nicht, denn ihre konservative Familie hat deutlich etwas dagegen — vor allem ihr Mann und ihr Vater, denen sie auf einmal nicht mehr so gehorchen mag, wie sie es gewohnt sind. Dabei beleidigt sie sie nicht, oder verteufelt sie dafür, dass sie loyal zu ihrem Fleischkonsum sind. Sie teilt ihnen immer wieder einfach nur mit: “Ich esse kein Fleisch mehr.” Und dafür wird sie geschlagen, vergewaltigt und zutiefst erniedrigt, indem ihr in einer zutiefst verstörenden Szene vom Vater zwanghaft Fleisch in den Mund gestopft wird. Sie traumatisieren sie, ohne es zu realisieren, weil sie sie als Objekt ansehen, das sich ihnen zu unterwerfen hat — bis in einen extremen psychischen Verfall und eine Essstörung hinein, wo sie überhaupt nichts mehr essen will. Bis zu einem Punkt, wo sie lieber eine Pflanze, ein Baum wäre, als ein Mensch, der all dieses Leid erfahren kann. Bis zu dem Punkt, wo sie leer von jeglichem Leben und jeglicher Sexualität ist, weil diese in erster Linie nie überhaupt ihr gehört hat — sondern den Männern um sie herum, die sie dafür benutzen, weil sie denken, das Recht über ihren Körper zu besitzen. Und als sie ihn am Ende völlig zerstört haben, bis wortwörtlich kaum mehr etwas von ihm übrig ist, lassen sie sie im Stich — alleine in einer Einrichtung für psychisch kranke, wo einzig und allein ihre Schwester sie noch besuchen kommt.

Das Ende ist zutiefst traurig und hat nicht viel Hoffnung in sich übrig; weil diese junge Frau wohl nie wieder so sein wird wie vor ihrer Entscheidung, vegetarisch zu werden. Eine Entscheidung, die sie für sich traf und, die sie nun vermutlich ihr Leben kosten wird.

So, und warum ist dieses Buch nun so relevant? Ich verspüre nicht das extreme Bedürfnis darüber zu reden, weil ich selbst vegetarisch lebe — ganz im Gegenteil. Im Grunde geht es kaum um ihre eigentliche vegetarische Ernährung, welche genauso gut durch alles mögliche ersetzt werden könnte; jede Entscheidung, die eine Frau für sich selbst und ihren Körper treffen könnte. Denn worum es eigentlich geht ist die tief verwurzelte Misogynie im Patriarchat und dessen Auswirkungen auf die psychische und physische Gesundheit von allen Frauen weltweit. Weil dies nicht nur Dinge sind, die in vergleichsweise konservativeren Ländern (wie z.B. im Buch in Korea) geschehen, sondern überall mit Frauen jeder Rasse, Altersgruppe, Sexualität und Gesellschaftsschicht. Ich möchte, dass jeder, der das hier liest, sich einmal kurz Gedanken darüber macht, ob er eine Frau kennt, die noch nie in ihrem Leben Hass, Gewalt jeglicher Form, Frauenfeindlichkeit, Erniedrigung oder Unterdrückung erfahren hat — und sei es nur das regelmäßige Hinterherpfeifen auf der Straße, die extremst über griffigen Kommentare sowohl im echten Leben als auch auf Social-Media oder Dating-Portalen, oder die sexistischen Witze, die eigentlich keine sind. Weil ich kenne nämlich keine einzige. Und DESWEGEN müssen wir darüber reden — immer und immer wieder und nie genug. Weil nicht “all men” aber dafür “almost always a man” zutrifft und, weil mich immer wieder Männer fragen, ob das denn wirklich heutzutage alles noch so ist. Ja, ist es. Es geschieht jeden Tag, jede Minute und jede Sekunde. Egal, wo wir sind, egal mit wem wir unterwegs sind, egal was wir anhaben und egal, wie oft wir nein sagen. Es ist, immer noch, die traurige Realität in der wir leben — und das muss sich ganz dringend ändern.

Denn, wie ihr hoffentlich mitbekommen habt, leben wir immer noch in einer Zeit, wo reiche weiße Männer alles tun können, was sie wollen und damit davonkommen, weil sie Macht und Einfluss in dieser Welt haben. Natürlich ist hier die Rede von keinem geringeren als Donald Trump, Mister “Grab her by the p*ssy”, der ganz klarer Mittäter von den durch Jeffrey Epstein begangenen Sexual-Straftaten war und sich nun seit Mitte Juli weigert, die Dokumente über den Fall zu veröffentlichen, weil sein Name darin auftaucht. Und wo kämen wir denn hin, wenn ein reicher weißer Mann Verantwortung für seine Taten übernehmen müsste? Nun, sicherlich nicht in die Illusionswelt von Trump, der sich um Kopf und Kragen versucht herauszureden, wie diese Männer es nun mal so gerne tun.

Ja, der Ton schlägt jetzt langsam ins leicht passiv-aggressive über, aber zurecht — es ist ein Thema, dass JEDEN wütend machen sollte, egal ob Frauen oder Männer und wo auch nur Wut hilft und angebracht ist. Denn ich möchte nicht mehr leise sein, möchte nicht mehr zuschauen, während die Andrew-Tates der Welt scheinbar immer mehr an Zuspruch gewinnen und mich nicht mehr hilflos dem allen gegenüber fühlen, egal ob es mir oder anderen passiert, weil “das ja nun mal die Welt ist, in der wir leben.” Das sollte sie aber nicht sein. Wir sollten keine Angst mehr um uns selbst, unsere Freundinnen und Schwestern, unsere potenziellen späteren Töchter, Nichten und Patenkinder haben müssen, weil sie in so einer Welt aufwachsen werden und, weil wir sie kaum davor beschützen können, genauso wenig wie uns jemand davor beschützen konnte.

Und dabei geht es ja um noch so viel mehr, als die Objektifizierung unserer Körper und gesamten Wesen. Uns wird vorgeschrieben wie wir zu sein haben, wie wir zu essen haben, zu trainieren haben, auszusehen haben, uns anzuziehen haben, zu leben haben, zu arbeiten haben, zu fühlen haben, zu denken haben. So ist es doch im Grunde kein Wunder, dass selbst eine Studie inzwischen belegt, dass Frauen Single glücklicher sind als in Beziehungen, dass die Geburtenraten sinken und die Scheidungen steigen. Weil wir die Nase voll haben. Weil wir uns endlich für unsere Freiheit entscheiden — auch, wenn das bedeutet, alleine zu sein. Aber ich denke ich spreche für die meisten Frauen, die ich kenne, wenn ich sage, dass wir lieber alleine sind, als uns solchen Dingen auszusetzen, die uns am Ende einfach nur kaputt machen; wie Yeong-hye in “The Vegetarian.”

Als ich in das Buch reingegangen bin wusste ich zuerst überhaupt nicht, worum es geht; oder zumindest nicht worum es wirklich geht. Ich dachte, das ganze wäre ein Horror/ Thriller, in dem ihre vegetarische Ernährung irgendeinen psychischen Horror in ihr auslöst. Was dann stattdessen kam, hat mich zutiefst erschüttert, weil es zwar teils so bizarr dargestellt wurde und doch so realistisch war. Der Schreibstil ist wunderbar flüssig und doch teils so poetisch, dass er mithilfe von Metaphern Trauma auf ganz neue Weise bildlich darstellt. Die vegetarische, oder auch pflanzliche Ernährung ist der Katalysator für alles schlimme, was der Protagonistin widerfährt und kurz nachdem das Konsumieren von Fleisch ihr zuwider wird, beginnen sie auch alle animalischen Aspekte des Mensch seins abzustoßen. Ihre Libido stirbt aus, sie wird ruhig und still, in sich gekehrt; beinahe schon emotionslos. Sie verliert ihr Schamgefühl, wenn ihr Schwager sie nackt sieht und distanziert sich von ihrer eigenen Sexualität, weil sie es ist, die eine Gefahr für sie darstellt; weil ihr Ehemann und ihr Schwager glauben, ein Recht darauf zu besitzen. Sie benutzen sie, wollen sie einzig und allein für ihre eigenen Zwecke einsetzen, bis ihr Mann die Lust daran verliert, sie zu vergewaltigen und ihr Schwager, der sein "Kunstprojekt" an ihr durchführen möchte merkt, dass keine Sexualität mehr in ihr übrig ist; dass er die Erotik, die er sich ausgemalt und erhofft hat durch sie darzustellen, nicht von ihr bekommen wird, weil sie jegliche solche Ausstrahlung verloren hat. Stattdessen macht er sie zu einer Blume, indem er dutzende von ihnen auf ihren Körper malt -- woraufhin sie realisiert, dass ihr der Gedanke gefällt. Lieber wäre sie eine Blume, eine Pflanze, als ein menschliches Wesen, dem all dieses Leid widerfahren kann. Danach hört sie gänzlich auf zu essen und versucht stattdessen Photosynthese zu betreiben, wie eine Pflanze eben. Es ist eine fast unscheinbare und doch am Ende so drastische Eskalation des Vegetarismus, dass es perfekt ihr eigenes Erlebnis mit sexueller Gewalt widerspiegelt, ohne zu direkt oder graphisch in der Beschreibung der Ereignisse zu sein. Das Paradoxe: Die Geschichte wird zu keinem Zeitpunkt aus ihrer eigenen Sicht erzählt, sondern im ersten Teil aus der ihres Mannes, im zweiten aus der ihres Schwagers und im dritten aus der ihrer Schwester. Dadurch wird die groteske Art und Weise, wie ihr Mann und ihr Schwager sie betrachten noch deutlicher -- und gleichzeitig bleibt das Mysterium darum, wie sie sich nun denn eigentlich bei alldem fühlt, aufrecht erhalten. Wir sehen ihren mentalen Verfall einzig und allein durch ihr Absagen ihrer eigenen Menschlichkeit; ihrem Wandel zu dem Baum, der sie am Ende gerne wäre. Und das, während sie vollkommen abgemagert und dem Hungertod nahe im Bett liegt, zwangsernährt werden muss und bis auf ihre Schwester völlig einsam und alleine ist. Es ist ein poetisches und doch tief trauriges, erschütterndes Ende, das keine Hoffnung auf Besserung verspricht -- und doch seinen Zweck erreicht. Nämlich, den Leser über genau das zum Nachdenken zu bringen; wozu all dieser Schmerz sie geführt hat. 

Im Buch gibt es also für Yeong-hye nicht viel Hoffnung -- gab es vielleicht nie, von Anfang an, weil ihr Schicksal durch die Männer in ihrem Umfeld besiegelt war, solange sie an ihrer Entscheidung festhielt --, aber in der Realität sehen wir, zum Glück, langsam einen Wandel, wenn auch müßig. Angefangen mit dem Me-too Movement in 2017 haben sich in den letzten Jahren immer mehr Konversationen rund um das Thema Sexismus und Feminismus entwickelt und so Stück für Stück mehr Bewusstsein für das immer noch anhaltende Leid der meisten Frauen geschaffen. Statistiken wie die, dass bei 60% aller weiblichen Tötungsdelikten der Täter ihr Ehemann oder Partner war, was zwischen 2020 und 2023 etwa 50.000 Frauen entspricht, oder einer toten Frau alle zehn Minuten -- oder die, dass ein Drittel aller Frauen in ihrem Leben schon einmal sexuelle Gewalt erfahren hat -- sind lange kein Geheimnis mehr. Ein. Drittel. Das sind rund 1,33 BILLIONEN Frauen weltweit. Nur, um das mal in etwas nahbarere Zahlen umzuwandeln, auch wenn sich glaube ich kaum einer vorstellen kann, wie gigantisch diese Anzahl wirklich ist. Deswegen, jede von uns hat es entweder selbst erfahren oder kennt eine Frau, der es passiert ist. Es passiert im Alltag, auf der Straße, auf der Arbeit, in unserem eigenen zu Hause -- es ist ein Thema, das für uns alle extremst relevant und präsent ist.

Und deswegen ist es auch so wichtig, dass wir darüber reden. Egal, wie oft zurückkommt: “Fängst du jetzt schon wieder mit diesem Sexismus Thema an? Lass uns bitte über etwas anderes reden.” Ein Satz, den man nur zu oft hört, auch von Männern, die behaupten, Frauen ja so sehr zu respektieren (und bei dem ich dann zu oft den Mund wieder geschlossen habe, wie ich inzwischen bereue). Wenn ihr uns respektiert, wenn euch Gleichberechtigung wichtig ist (was es höchstwahrscheinlich nicht ist wenn ihr so etwas sagt), dann redet ihr darüber. Immer und immer wieder. Mit euren Männern, weil ihr alle Mütter, Schwestern, Töchter, Frauen und Freundinnen habt und ihr die Welt für sie zu einer besseren machen wollen solltet und mit euren Frauen, weil ihr ehrlich interessiert daran seid, wie es für sie ist, in dieser Welt als Frau zu leben. Lasst uns bitte darüber sprechen, bis sich etwas ändert — weil ich habe keine Lust mehr, leise zu sein. Damit wir endlich hinsehen. Damit die Verantwortlichen, die diese Straftaten begehen zur Rechenschaft gezogen werden können und nicht mehr damit davonkommen.

Übrigens: Trump weigert sich, wie gesagt, nach wie vor die Listen zum Fall Epstein zu veröffentlichen, auf denen sein Name auch auftaucht, aber die Frauen, die diesen dutzenden von Männern zum Opfer gefallen sind, sagen nun, dass sie die Namen kennen und ihre eigene Liste erstellen wollen. Damit diese reichen Männer sich nicht länger hinter ihrem Geld und ihrer Macht verstecken können. Und das finde ich extremst mutig in einer Welt, wo das Rechtssystem einen oft so dermaßen im Stich lässt. Ich hoffe, dass wir in der Zukunft noch mehr Fälle solcher starker Frauen sehen, die zusammen diesem Sexismus den Kampf ansagen -- dass sich immer mehr von uns trauen, wütend und vor allem laut zu werden. Damit wir endlich etwas verändern können; für uns alle und die, die nach uns kommen.

And on that note: Fuck Trump.

Hier halte ich euch überall auf dem Laufenden.

Mit allem was ich gerade lese und schaue.

Mit Moodboards zu all meinen Büchern, auch bisher unveröffentlichten Projekten, die noch in Arbeit sind.

Mit Playlists zu all meinen Büchern, auch bisher unveröffentlichten Projekten, die noch in Arbeit sind.

Wir benötigen Ihre Zustimmung zum Laden der Übersetzungen

Wir nutzen einen Drittanbieter-Service, um den Inhalt der Website zu übersetzen, der möglicherweise Daten über Ihre Aktivitäten sammelt. Bitte überprüfen Sie die Details in der Datenschutzerklärung und akzeptieren Sie den Dienst, um die Übersetzungen zu sehen.